Die Besondere Predigt

50-jähriges Chorjubiläum im Gottesdienst am 30. Oktober 2016

Immer wieder bekommt man mal zu hören: die Deutschen verlernen das Singen. Sicher hat sich das Singen verändert und die Technik macht uns passiver. Aber deswegen hören wir nicht mit dem Singen auf. Denn durch das Singen können wir gut unsere Emotionen ausdrücken. Töne und Melodien reißen uns mit.

Und viele trällern nicht nur allein vor sich hin, sondern singen auch gern in Gemeinschaft, auch wenn es nicht im Kirchenchor ist. Zumindest wenn im Sommer Kirchweih stattfindet und das Bierzelt gegenüber der Kirche steht, ist unüberhörbar wie da gesungen wird. Da können wir noch im Schlafzimmer mitsingen. Da werden die hits und evergreens rauf und runter gespielt und die Leute kennen diese Songs.

Ein Riesenchor findet sich auch regelmäßig im Fußballstadion zusammen. Vor dem Spiel wärmt sich da die Nürnberger Nordkurve schon mal mit Gesängen auf. Und natürlich wenn ein Tor gefallen ist und die eigene Mannschaft gewonnen hat, heißt es: so ein Tag, so wunderschön usw.

Die Beispiele zeigen: Es wird nach wie vor gesungen und singen ist vor allem ein Ausdruck guter Laune.

Das kann ein Blick in die Bibel bestätigen. Darin findet sich nämlich ein ganzes Liederbuch, nämlich die Psalmen. Das sind Gebete, die gesungen wurden und teilweise Melodieangaben haben, die wir nur leider nicht kennen. Und in einem dieser Gebete, Psalm 28,7 spricht jemand: Nun ist mein Herz fröhlich und ich will ihm danken mit meinem Lied.
Ja wenn wir tief im Herzen froh sind, dann können wir das gar nicht für uns behalten, sondern dann muss das raus, muss mitgeteilt werden, überfließen und das kann durch Singen geschehen.

Natürlich können wir singen: So ein Tag, so wunderschön usw. Der Psalm geht aber noch einen Schritt weiter und fragt: wem habe ich meine Freude zu verdanken? Und kommt zum Ergebnis: Ich will Gott danken, dass mein Herz so fröhlich ist. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Freude und Dankbarkeit. Freude ist ein unmittelbares Gefühl, aber wir können uns durchaus bewusst machen, was der Grund unserer Freude ist und das führt uns dann zur Dankbarkeit und nicht zuletzt zu Gott.

Es gibt in der Bibel in 2. Buch Mose das sogenannte Mirjamlied. Mirjam die Schwester des Mose singt ganz spontan ein Lied, nachdem die Israeliten heil durchs Schilfmeer gezogen sind und die nachjagenden Ägypter ertrunken sind. Das ist ein Freudentanz gewesen, aber auch ein Dank an Gott, der dieses Wunder vollbracht hat: lasst uns dem Herrn singen, denn er hat eine herrliche Tat getan: Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.
Ich hoffe der Psalmvers aus Ps 28 spricht manchen heute ebenfalls aus dem Herzen, gerade wenn man bedenkt, dass wir heute das 50-jährige Jubiläum des Chores feiern.
Aber ich könnte mir auch vorstellen, dass der ein oder die andere doch ihre Bedenken haben und dem Psalmwort nicht ohne weiteres folgen können aus verschiedenen Gründen. Ich will mal ein paar Einwände, die ich mir denken könnte, aufgreifen und formulieren:

Erster Einwand: Mir fällt gar nichts ein, wofür ich Gott danken könnte
Natürlich kann Freude nicht verordnet werden nach dem Motto „Du musst dich jetzt freuen“. Das können wir gar nicht steuern. Auch die Dankbarkeit will ich niemand verordnen, denn das wäre sehr moralisch und oberlehrerhaft: Du solltest dankbar sein, denn anderen geht es viel schlechter als dir. Nein, so nicht! Doch in Psalm 103 finden wir dazu einen guten Rat: Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Wenn wir zurückblicken auf unser Leben und nicht vergesslich sind, finden wir genug, in dem uns Gutes widerfahren ist. Wenn wir zurückblicken können wir sicher Gottes Segensspur in unserem Leben entdecken.

Anderer Einwand: Ich kann nicht singen; ich bin überhaupt nicht musikalisch.
Alle Musiklehrer und Chorleiter behaupten ja: „Jeder Mensch kann singen und ist musikalisch“. Das stimmt grundsätzlich auch. Aber trotzdem sehe ich das etwas anders, denn diese Begabung ist sehr unterschiedlich verteilt. Es gibt einfach Menschen, die haben es im Blut. Die schnappen sich eine Trommel und geben uns den Rhythmus vor oder klimpern auf dem Klavier herum ohne irgendwelche Noten. Diese Begabung habe ich nicht. Mich kann man leicht aus dem Takt bringen oder beim Kanon singen verwirren und ich brauch auch Noten, an denen ich mich festhalten kann.

Trotzdem darf ich im Markuschor mitsingen. Denn es gilt beim Singen, was für die anderen Talente auch gilt: nur 30% ist Talent, der Rest ist Arbeit und Übung. Der Markuschor besteht nicht nur aus großartigen Talenten und ich könnte eine Menge darüber erzählen, wie wir unseren Chorleiter fast zur Verzweiflung bringen. Er sagt dann immer: Da war schon einiges Schönes dabei.

Aber wir singen eben alle gern, weil es uns gut tut und weil wir damit im Gottesdienst Gott ehren wollen. Und Gott braucht keinen perfekten Gesang.

Freilich ist es immer auch eine Frage des Geschmacks, was man gerne singt. Und deshalb hat man natürlich Mühe Jugendliche für den Kirchenchor zu begeistern, weil die lieber englisch singen und im Pop-Stil und das geht dann häufig nicht mit den Vorlieben der andern zusammen. Aber für Jugendliche gibt es auch Lieder und unser Jugenddiakon motiviert gerade jeden 2.Donnerstag die Konfis zum Singen.

Weiterer Einwand: Mir fällt kein passendes Lied ein, mit dem ich Gott danken kann
Darüber werden die meisten von uns nur den Kopf schütteln. Wir könnten wohl alle aus dem Stand das Lied anstimmen: Lobe den Herrn den mächtigen König. Aber das mit den Kirchenliedern ist schon ein Problem. Wenn ich beim Taufgespräch zu Eltern komme und wir Lieder für die Taufe aussuchen, hört es meist bei „Danke für diesen guten Morgen“ und „Herr deine Liebe ist wie Gras und Ufer“ auf. Den großen Schatz der Kirchenlieder kennen immer weniger.

Aber wir müssen unseren Dank ja auch nicht nur in alten oder neueren Kirchenliedern ausdrücken. Wir können ja einfach eine Melodie hernehmen und darauf unser eigenes Danklied komponieren. Mitten Sommer hörte ich unsere Tochter mal ein Weihnachtslied summen und ich hatte das Gefühl, sie ist jetzt fröhlich und summt ihr Danklied. Warum nicht auf „oh du fröhliche“?

Letzter Einwand: Mir geht es gerade sehr schlecht. Wie soll ich da fröhlich sein und singen?

Ich hatte vorhin ja schon gesagt: man kann Freude und Dankbarkeit nicht befehlen. Und ich hatte auch schon gesagt: Es hilft vielleicht ein Blick zurück auf die guten Tage des Lebens. Aber es können Sorgen, Nöte, Trauer, Depression so übermächtig sein, dass wir da nicht rausschauen können und nicht an früher denken können. Solche Stimmungen verschlagen einem vielleicht die Stimme und wir werden stumm und sprachlos. Doch da kann ein Blick in die Bibel hilfreich sein. Das Buch der Psalmen ist ja nicht nur eine Sammlung von Lob- und Dankliedern, sondern es finden sich darin auch viele Klagelieder. Wir dürfen also getrost auch Not, Intrigen und Gehässigkeit von anderen, Krankheit und Schmerz vor Gott bringen und mehr schluchzen als singen. Gott hält das aus und hört zu.
Ein weiterer Blick in die Bibel bringt aber noch etwas Interessantes zum Vorschein. Selbst wenn wir seelisch in ein tiefes Loch fallen und alles verloren erscheint, kann sich Lob und Dank durchsetzen.

Das beste Beispiel dafür ist Hiob. Nachdem Hiob mehrere  Hiobsbotschaften erreichen, in denen er erfährt, dass er seinen ganzen Besitz und seine Kinder verloren hat, kann er trotzdem sagen: Der Herr hat‘s gegeben, der Herr hat‘s genommen; der Name des Herrn sei gelobt (Hi1,21). Es gibt also demnach in uns einen Raum, der sich nicht von außen einschüchtern lässt und an Gott festhält und dankbar ist.

Vielleicht könnte man an dieser Stelle auch noch anfügen, dass Singen selber eine therapeutische Funktion hat. Es wirkt wie ein Anti-Depressivum. So wurde nachgewiesen, dass unser Gehirn nach 30 min Singen erhöhte Anteile von Beta-endorphinen und Serotonin produziert und das Stresshormon Cortisol mit abbaut. Sänger und Sängerinnen würden es nicht so wissenschaftlich ausdrücken, sondern einfach sagen: nach der Probe fühlen wir uns beschwingt.

Das wäre jetzt der grandiose Übergang, um zu unseren Chorproben montags im Markuschor einzuladen. Aber es geht nicht nur um den Fortbestand des Chores und um unser Wohlbefinden, sondern darum, dass unsere Freude Ausdruck findet in dankbaren Liedern.

Eines davon singt der Chor nun. Nicht O du fröhliche, aber so ähnlich: Frohlockt mit Freuden von Samuel Jacobi.


Pfarrer Berthold Kreile