Die Besondere Predigt

Aber ohne Moos ist auch nichts los?

Oder um was geht es überhaupt in der Kirche? Predigt zum Palmsonntag am So., 25. März 2018 über Mk 14,3-9

Liebe Gemeinde.
Im Herbst steht wieder die Wahl eines neuen Kirchenvorstands an und dafür suchen wir gerade Kandidaten und Kandidatinnen. Denen möchten wir natürlich dieses Ehrenamt nahelegen und sagen, wie schön und verantwortungsvoll diese Aufgabe ist. Man kann als Kirchenvorsteher/in z.B. ein Jubiläum mitgestalten, wichtige Personalentscheidungen treffen, das Bild der Gemeinde in der Öffentlichkeit prägen und sich spezialisieren im Bereich Kindertagesstätten, Bauen oder Jugend. Dabei kann man wirklich Schönes erleben, aber ich kann leider auch nicht verschweigen, dass es im Kirchenvorstand oft ums Geld geht – und zwar nicht nur zweimal im Jahr, wenn der Haushaltsplan und die Jahresrechnung beschlossen werden, sondern bei ganz vielen Themen und Gelegenheiten. Deshalb sind wir auch noch nicht weiter gekommen, um im Sommer eine bessere Belüftung der Kirche zu erzielen. Das wird eben teuer. Regiert das Geld also nicht nur die Welt, sondern auch die Kirche? Aber ohne Moos ist auch nichts los oder um was geht es überhaupt in der Kirche?

Predigttext aus Mk 14, 3-9

Eine Antwort darauf könnte uns der Predigttext für den Palmsonntag geben aus Mk 14, 3-9
Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Predigt

Liebe Gemeinde.
Was in unserem Predigttext geschildert wird, ist ein handfester Eklat. Und verursacht wird er von einer namenlosen Frau. Frauen waren in dieser Männerrunde im Haus des Simon wohl am liebsten gesehen, wenn sie die Männer bedient haben. Allerdings wissen wir aus dem Haus von Maria und Marta, dass Jesus es auch geschätzt hat, wenn ihm Frauen zugehört haben. Gegen Zuhören hätte die Gesellschaft im Haus des Simon wohl auch nichts einzuwenden gehabt. Aber diese Frau nimmt sich mehr heraus. Sie schmeißt sich plötzlich an Jesus ran. Das ist unerhört. Und bei dem, was sie tut, halten alle wohl die Luft an. In der Hand hält sie ein kostbares Alabastergefäß, wie es vornehme Frauen häufig als Parfumfläschchen benutzen. Vielleicht war der Verschlusspfropfen zu fest gesteckt – jedenfalls zerbricht sie kurzerhand das zarte, wertvolle Gefäß und der Inhalt ergießt sich über Jesu Kopf. Es ist Narde, ein Parfumstoff, der aus dem fernen Indien eingeführt wird. Und der Bericht hält fest, dass es unverfälscht war, also nicht mit minderwertigen Ölen vermischt oder gepanscht. Es ist also nicht so wie bei dem Parfum, das wir auf italienischen Wochenmärkten erstehen können, wo Chanel drauf steht, aber kaum drin ist, höchstens in Spurenelementen. Also hier kein fake, sondern echtes Parfum. Der Duft erfüllt den ganzen Raum.

Vermutlich hat sich die Frau wieder in die Zuhörerschar eingereiht. Und die Gesellschaft wird etwas gebraucht haben, um sich aus der Erstarrung und Sprachlosigkeit zu lösen. Aber dann fallen deutliche Worte. Ob sie sich über die Dreistigkeit dieser Frau aufgeregt haben, ist nicht bekannt. Aber etwas anderes stört sie: die Verschwendung. Ein paar Spritzer hätten es auch getan; so wurde alles sinnlos verpulvert. Dabei ist die Narde ein Haufen Geld wert.

Einige haben gleich gerechnet. Was hätte man bei eBay dafür bekommen oder auf einem Bazar? Niemand fragt offensichtlich, was die Frau bewogen hat oder was sie bezwecken wollte. Die Tat wird nur unter dem ökonomischen und finanziellen Blickwinkel betrachtet.

Und da hat man auch gleich Verbesserungsvorschläge. Eine soziale Tat wäre besser gewesen. Die Kritik kommt vermutlich sogar aus dem Jüngerkreis Jesu. Die Jünger wissen natürlich, dass Jesus ein Herz für die Armen und Benachteiligten hat. Sie haben selber erlebt, wie er auf den reichen Zöllner Zachäus zugegangen ist und ihn bewogen hat, dass dieser einen beträchtlichen Teil seines Vermögens den Armen gibt. Die Jünger sind sicher überzeugt, ganz im Sinne Jesu, die Frau tadeln zu müssen. Das Parfüm verkaufen und mit dem Geld Arme unterstützen, wäre sinnvoller gewesen.
Ich glaube, dass man den Vorfall heute nicht viel anders betrachten würde. Und selbst in einer Kirchengemeinde oder im Kirchenvorstand die Argumentation ähnlich wäre. Was bringt der Duft? Der ist bald verflogen. Besser wäre, ein soziales Projekt zu unterstützen. Also lieber Luxusartikel in bare Münze umsetzen. Das Geld wäre im Sinne Jesu besser angelegt, wenn wir es nach Tansania ins Dekanat Siha geben, wo die Waisenkinder unterstützt werden oder ein Bus für die Schulkinder finanziert wird. Man könnte es auch an die Asylgruppe in Zirndorf spenden oder etwas für unseren Kindergarten anschaffen. Mir ist es im Kirchenvorstand einmal so ergangen, als ich den Vorschlag gemacht habe, eine silberne Taufkanne anfertigen zu lassen, dass man dieses Vorhaben auch als übertriebenen Luxus angesehen hat. Würde unsere Gemeinde in Geld schwimmen, wäre das kein großes Thema. Aber gerade die Geldknappheit zwingt zum Kalkulieren und diskutieren, welche Prioritäten in einer Kirche gelten sollen.

Müsste Jesus seine Jünger oder die Kritiker in dieser Sache nicht loben? Doch er überrascht uns mal wieder. Er stellt die Überlegungen der Kritiker nicht in Abrede. Eigentlich haben sie recht. Das wäre auch eine Möglichkeit gewesen. Aber es wäre auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Armut besiegen wir nie. Sie bleibt eine ständige Aufgabe.

Doch Jesus möchte, dass wir diese Tat der unbekannten Frau nicht nur unter finanziellen Gesichtspunkten betrachten. Das ist gar nicht angemessen. Was da geschehen ist, lässt sich gar nicht aufrechnen. Da kommen ganz andere Werte zum Tragen. Was diese Frau gemacht hat ist nämlich eine spirituelle Handlung. Sie hat Jesus gesalbt. Gesalbt wurden in Israel die Könige. Und der erwartete Messias oder Christus galt als der Gesalbte Gottes. Vielleicht hat die Frau ihre Tat so verstanden. Jesus bezieht sie aber auf eine andere Art der Salbung. Auch die Toten wurden gesalbt und einbalsamiert, erinnern wir uns nur an die 3 Frauen, die sich mit Salbgefäßen am Ostermorgen zum Grab aufmachen.

Diese Frau hat also nicht nur im Überschwang der Gefühle gehandelt, sondern hat mit ihrer Tat etwas über Jesus ausgesagt. Er ist der Gesalbte, der von Gott beauftragte Retter und er wird bald getötet werden. Das wird Jesus in dem Augenblick wieder bewusst, als der Duft der Narde den Raum erfüllt. Es geht um Leben und Tod; es geht um die tiefsten existentiellen Fragen; es geht um den Sinn des Lebens, um den Sinn des Lebens Jesu. Bleibt er standhaft? Bleibt er sich treu? Nimmt er den Tod auf sich? Diese wichtigen Fragen löst die Frau in Jesus aus und deshalb lobt er die Frau für ihre Weitsicht. Sie sieht in Jesus einen besonderen Menschen und sie sieht das Unheil heraufziehen. Und das bewusst zu machen ist gerade wichtiger als Armut und Gerechtigkeit.

Um mehr Gerechtigkeit und fairen Handel müssen wir uns in der Kirche natürlich auch kümmern. Um Menschen, die hier in Deutschland Zuflucht suchen, müssen wir uns auch kümmern. Aber in der Kirche geht es auch noch um etwas anderes. Es geht um die lebenswichtigen Fragen, um den Sinn, um das, was unserem Leben Tiefe gibt. Es geht in der Kirche um Leben und Tod und was Bestand hat über den Tod hinaus. Und es geht um solche spirituellen Momente, die uns hinausheben aus der Alltäglichkeit und Geschäftigkeit und uns auf Werte hinweisen, die nichts mit Geld und Kleinkrämerei zu tun haben. Das möchte ich aus dieser Geschichte jedenfalls behalten, dass wir in der Kirche nicht vergessen, dass es auch spirituelle Momente geben muss und es nicht nur ums Geld gehen kann. Vielleicht müssen wir manchmal verschwenderisch sein, um solche spirituellen Momente zu ermöglichen.

Das möchte ich zum Schluss einmal an unserer Kirche veranschaulichen. Für unseren Gottesdienst könnten wir auch das Gemeindehaus benutzen. Braucht man überhaupt eine Kirche, die nur sonntags genutzt wird? Trotzdem hat man vor 40 Jahren in dieser Gemeinde diese aufwändige Kirche gebaut mit Sichtmauerwerk, Schieferboden, teuren Glasfenstern und einer ansehnlichen Orgel. Für die Gymnastikgruppen und Kirchenvorstandssitzungen ist die Kirche untauglich und deshalb finden es manche Menschen sicher hinausgeworfenes Geld. Aber ich denke, wenn wir hier Gottesdienst feiern, spüren wir, dass wir hier aus der alltäglichen Eintönigkeit herausgehoben werden, dass wir hier einer anderen Wirklichkeit begegnen und auf die wirklich wichtigen Fragen stoßen. Wir spüren: hier ist ein spiritueller Ort, der sich nicht einordnen lässt in einen Kosten-Nutzen-Faktor. Deshalb hat sich gelohnt, dass mutige Menschen vor 40 Jahren diesen Kirchenbau in Angriff genommen haben.

Berthold Kreile