Die Besondere Predigt

Die Musik ist die beste Gottesgabe

Predigt zu Kantate 2017 (Lutherzitat) am 14. Mai 2017

Liebe Gemeinde!
Es ist belegbar, dass Musik und Gesang eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung der Reformation spielte. Bezeichnend sind etwa die Aufzeichnungen des Stadtschreibers von Lemgo, der von seinem (dem alten Glauben anhängenden) Bürgermeister in die Stadtkirche geschickt wurde, um zu schauen, was sich dort mit dem neuen Glauben tue. Als er zurück kam und dem Bürgermeister meldete: „Nun, sie singen schon alle“, soll der geantwortet haben: „Ei, dann ist alles verloren!“
Ja es war sicher ein gelungener Schachzug, dass Martin Luther etwa 1523 anfing deutsche Lieder zu dichten und zu komponieren und im Gottesdienst von der Gemeinde singen zu lassen. Neben seinem Kampf gegen das Ablasswesen und neben der Übersetzung der Bibel ins Deutsche trug Luthers Gesangbuch sicher wesentlich zur Popularität der Reformation bei, die dadurch die breite Masse der Bevölkerung erreichte und nicht nur ein Streit unter Gelehrten und Humanisten blieb.

Dabei war das Singen geistlicher Lieder keine strategische Entscheidung, sondern ein Herzensanliegen Martin Luthers, denn er war ein begabter Musiker. Das konnte er im Kloster nicht unter Beweis stellen, doch wir wissen, dass er als Kind und als Schüler schon damit auffiel. So ist überliefert, dass Martin Luther, als er in Eisenach zur Schule ging, nebenbei etwas dazu verdiente durch das Kurrendesingen, indem er also in einer Schar bedürftiger Schülern vor den Bürgerhäusern gegen Spenden gesungen hat. Einer Frau Cotta fiel seine Stimme besonders auf und sie nahm ihn in ihr Haus auf und gab ihm dort Unterkunft und Verpflegung. Martin Luther konnte auch gut die Laute spielen und dürfte seine Mitstudenten öfter damit unterhalten haben. Nicht zuletzt preist ihn der Nürnberger Meistersinger Hans Sachs als „Wittenbergisch Nachtigall“.
Luther war also prädestiniert Lieder zu komponieren, die man auch gut singen konnte – zumindest im damaligen Stil und Geschmack. So verwundert es nicht, dass Luther die Musik auch in den Dienst seiner Überzeugungen stellte. So sind ein beträchtlicher Teil seiner Lieder, die er geschaffen hat, Glaubenslieder. Ein sehr bekanntes und noch heute gesungenes ist das Lied „Nun freut euch lieben Christen gmein“, in dem Martin Luther seine ursprüngliche Angst vor Gott und die befreiende Entdeckung der Rechtfertigung Gottes beschreibt. Er verarbeitet darin also seine Rechtfertigungslehre in 10 Versen. Zu den Glaubensliedern könnte man auch die Katechismuslieder rechnen, die er über die Kernstücke des Glaubens verfasste wie über die 10 Gebote, das Vaterunser, das Abendmahl oder über die Taufe. Martin Luther wusste, dass die reformatorischen Einsichten und Glaubensüberzeugungen nicht nur im Kopf ankommen dürfen, sondern auch ins Herz dringen müssen. Und er wusste, dass Worte, die mit der Musik verbunden sind, viel tiefer berühren und packen als nur das gesprochene Wort. So konnte Luther umgekehrt sagen: So sie‘s nicht singen, gläuben sie’s nicht. Insofern hatte der Bürgermeister von Lemgo wohl richtig erkannt, dass der neue Glaube in Lemgo nicht mehr aufzuhalten war, weil sie voller Inbrunst sangen und der Glaube bereits im Herzen angekommen war.
Ein weiterer großer Teil von Luthers Liedern ist vor allem entstanden, um die gottesdienstliche Liturgie den Gläubigen verständlich zu machen. Damals durfte die Gemeinde zu den lateinischen Gesängen nur mal ein Halleluja oder Kyrie singen. Deshalb übersetzte Luther die lateinischen Hymnen oder schuf etliche Psalmlieder. So entstanden Lieder wie „Nun bitten wir den Hl.Geist“, „Christe, du Lamm Gottes“ - „Verleih uns Frieden gnädiglich“ oder das Psalmlied „Ein feste Burg“.
Doch Martin Luther ist nicht nur der Reformator gewesen, der sich mit dem Papst und dem Kaiser stritt, nicht nur ein Förderer der deutschen Sprache in der Kirche, sondern er war und blieb immer auch Seelsorger. Und als solcher schrieb er der Musik eine unheimlich wichtige Bedeutung zu, die in diesem Zitat zum Ausdruck kommt, das wir heute genauer beleuchten wollen.


Die Musik ist die beste Gottesgabe. Durch sie werden viele und große Anfechtungen verjagt. Musik ist der beste Trost für einen verstörten Menschen, auch wenn er nur ein wenig zu singen vermag. Sie ist eine Lehrmeisterin, die die Leute gelinder, sanftmütiger und vernünftiger macht.

Diese Sätze lassen erkennen: Luther weiß um die therapeutische Wirkung der Musik. Vermutlich spricht Luther hier aus eigener Erfahrung. Wenn er von Anfechtungen spricht, denkt er sicher an schwierige Zeiten seines Lebens, in denen er seiner Sache gar nicht mehr so sicher war. Luther war manchmal voller Angst und Zweifel. Das plötzliche Rampenlicht, in dem er stand, verursachte Stress und sicher hatte er wie wir alle auch ab und zu einen Durchhänger. In der mittelalterlichen Welt waren trübe Gedanken und Verzweiflung nicht depressive Verstimmungen sondern Angriffe des Teufels und seiner Dämonen. „Und wenn die Welt voll Teufel wär‘“, so kam es Luther manchmal vor. Und in den Tagen, als er das Lied dichtete „Ein feste Burg ist unser Gott“, aus dem dieser Satz stammt, schreibt er an einen Freund: Ich bitte um Christi Willen, dass du mir beistehst in deinen Gebeten gegen den Satan und seinen Engeln, die mir über die Maßen feind sind, damit Christus mich nicht verlasse. Da nahm Luther auch schon mal ein Tintenfass und schleuderte es dem Teufel entgegen, wie die Legende berichtet. Aber er machte wohl auch die Erfahrung: es ist besser wenn er zum Instrument greift oder ein Lied komponiert und singt. Das vertreibt eher Trübsal und Angst, die ihn hemmten. Das bestätigt auch ein Blick in die Bibel, so dass Luther schreibt: „Wiederum bezeugt die Schrift, dass durch die Musica der Satan, welcher die Leute zur Untugend und Laster treibt, vertrieben werde, wie denn im König Saul angezeigt wird. Wenn über ihn der böse Geist kam, nahm David die Harfe und spielte mit seiner Hand, so erquicket sich Saul und es wurde besser mit ihm und der böse Geist wich von ihm. Darum haben die Väter nicht vergebens das Wort in mancherlei Gesänge gebracht, davon wir köstliche Psalmen haben, welche mit den Worten als auch mit dem Klang die Herzen der Menschen bewegen.“
Musik kann heilsam sein, weil sie uns nicht kalt lässt, sondern uns sofort im Innersten, im Herzen – oder anders gesagt – bei unseren Emotionen erfasst. Wir müssen sie nicht erst analysieren und verarbeiten. Das beweist die Tatsache, dass Demenz- oder Alzheimerpatienten oft auf Musik noch am ehesten positiv reagieren. Unsere ganze Person wird von der Musik einfach durchströmt. Dazu passt, dass das lateinische Wort persona von per-sonare – durchklingen kommt. Wir werden zum Klangkörper.
Immer wieder kann man auch hören, dass Singen das Wohlbefinden steigert. Singende Menschen sind zufriedener, ausgeglichener und zuversichtlicher und können belastende Erfahrungen besser verarbeiten. Eine Erklärung dafür ist wohl die Tatsache, dass das Singen uns als ganze Menschen anspricht, nämlich Leib, Seele und Geist. Den Geist brauchen wir zum Lesen von Texten oder Noten. Singen ist jedoch immer auch verbunden mit Körpereinsatz. Entweder wippen wir mit dem Körper oder dem Fuß im Takt mit, beim Gospel braucht man auch die Hände und wir bewegen die Gesichtsmuskel. So versetzen wir jedenfalls unseren Körper in Schwingungen. Dazu kommt beim Singen das Atmen, das aus der Tiefe kommt und Blockaden löst. Damit öffnet sich unsere Seele und lässt die Musik ein und legt umgekehrt wieder etwas in die Musik hinein.
Deshalb hat die Musik auch ihren Platz in der medizin. Behandlung, wie in der Schmerz- oder Traumatherapie oder bei psych. Störungen.
Wissenschaftler können heute sogar nachweisen, dass durch Musik das Stresshormon Cortisol im Blut schneller abgebaut wird. Das bedeutet Aggressionen werden abgebaut und unser Körper entspannt sich. Das macht uns dann „gelinder und sanftmütiger“ wie Martin Luther feststellt, ohne das wissenschaftlich auszudrücken. Andere Studien besagen, dass bei bestimmten Liedern, vor allem beim Gänsehauteffekt, unser Gehirn mit dem Glückshormon Dopamin überflutet wird. Martin Luther bevorzugt deshalb auch fröhliche und mitreißende Lieder. Klagelieder sind seine Sache nicht. Er will, dass wir gegen den Tod ansingen. So sollen wir das mittelalterliche Lied „Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen“ umkehren in das Lied „Mitten im Tod wir sind vom Leben umfangen“. Freilich ist dieser Trost nicht nur durch eine schöne und liebliche Melodie zu erreichen, sondern verbunden mit den Worten der Bibel oder dem Glauben, denn die geben nicht nur vorübergehenden Trost, sondern echten und tief verwurzelten Trost.
Auch wenn man nur wenig zu singen vermag, sagt Luther ausdrücklich, tut es gut. Wir müssen also nicht perfekt sein und uns wieder einem Druck und Stress aussetzen, sondern können einfach vor uns hinträllern. Eine gute Idee wäre auch, einem Chor beizutreten, weil da die Gemeinschaft noch eine stabilisierende Wirkung hat. Freilich setzen Musikshows wie der Eurovision songcontest oder Konzerte berühmter Chöre unheimlich hohe Maßstäbe. Manche von uns schreckt das eher ab, die eigene Stimme auszuprobieren, als dass es motiviert. Das ist allerdings nicht der Maßstab von jedem Chor. In vielen Kirchenchören muss man nicht vorsingen, um aufgenommen zu werden. Sondern da wird der Schwierigkeitsgrad der Musikstücke den Sängern angepasst und übt man es entsprechend oft bis es alle können. Mir geht es im Chor auch manchmal so, dass ich mich im Text verhaspele und den ein oder anderen Ton nicht sauber treffe. Aber das nivelliert sich in einem Chor, wenn drei Männer neben einem das richtig machen. Das ist das Schöne dabei. Deshalb will ich am Sonntag Kantate – Singet – meine Predigt nicht beschließen ohne Mut zu machen in einen Chor hinein zu schnuppern, wenn sie nicht schon dabei sind. Und ich rufe dazu nicht auf, weil unsere Chöre wenig Sänger/innen haben und Nachwuchs bräuchten, sondern weil Sie sich damit was Gutes tun, Trost empfinden werden oder anders gesagt: gesünder leben und den Alltag oder Krisen besser bewältigen. Und wenn es nicht in einem Chor ist, müssen Sie wenigstens in der Badewanne öfter singen – warum nicht „Lobe den Herrn den mächtigen König“.

Pfr. B. Kreile