Die Besondere Predigt

Predigt von Pfarrer Kreile am Palmsonntag 2016

Unsere Vorfahren im Glauben haben einmal versucht, den Glauben zusammen zu fassen. So ist das Glaubensbekenntnis entstanden etwa im 3. Jhd. n. Chr. Dabei konnten sie aber schon auf ein Bekenntnis der ersten Christen zurückgreifen, das bereits Paulus kennt und das er im Brief an die Philipper zitiert:

5 Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht:
6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist,
10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind,
11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.

Liebe Gemeinde!

Was ist eigentlich das wichtigste Fest der Christenheit. Das ist eine Frage, über die sich lange diskutieren und streiten lässt. Keine Ahnung was Ihnen zuerst einfällt, aber fragt man Konfirmanden, kommt meistens das Weihnachtsfest als wichtigstes Fest. Da ist natürlich was dran. Es ist jedenfalls das bedeutendste Fest, wenn man es am Gottesdienstbesuch misst. Und es ist zurecht bedeutend, denn wir feiern an Weihnachten nichts weniger, als dass Gott Mensch wird. Endlich können wir Gott ins Angesicht sehen, anfassen, ihn begreifen im wahrsten Sinne des Wortes. Und dabei ist er keine hölzerne oder goldene Statue, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut. In Jesus von Nazareth können wir sehen, wie ein Leben mit Gott aussieht, wie jemand lebt, der ganz von Gott durchdrungen ist. Damit ist Jesus ein Vorbild für uns.
Und das ist natürlich besser, als wenn wir warten müssen, dass Gott uns erscheint wie Mose am brennenden Dornbusch oder in einem nächtlichen Traum, oder warten müssen, dass wir seine Worte vernehmen wie die Profeten, die dann diese Worte warnend weitergaben. Es ist besser, als wenn wir irgendwelchen Priestern vertrauen, die ein religiöses Spezialwissen haben und denen man ausgeliefert ist. Nein, jetzt haben Menschen eng zusammen mit Jeus Christus gelebt und ihre Erfahrungen weitererzählt und wir können es nachlesen und selber das Wissen haben.
Freilich kommt es auch in anderen Religionen vor, dass Gott auf die Erde kommt. Selbst in der grieschischen Religion mischen sich die Götter unter die Menschen und entführt der Lüstling Zeus das schöne Mädchen Europa in Gestalt eines Stieres. Da bin ich doch froh, dass die Überlieferungen unserer Bibel obwohl teilweise älter auf jeden fall tiefsinniger sind. Aber auch der Hinduismus und Buddhismus kennt die Vorstellung, dass Gott in menschlicher Gestalt erscheint. Man nennt es einen Avatar und als solche gelten z.B. Rama, Krishna und Buddha. Selbst Jesus können Hindus als Avatar gelten lassen und deshalb kann man sich gut zwischen diesen Religionen verständigen.
Menschwerdung Gottes ist also kein Alleinstellungsmerkmal des Christentums. Trotzdem ist es gut, dass wir uns an Weihnachten erinnern und feiern, dass sich Gott ganz klein gemacht hat, um uns ganz nah zu sein.
Weihnachten ist zurecht ein bedeutendes Fest, aber ist es auch das Wichtigste?
Müßte das wichtigste Fest nicht eines mit den großen, machtvollen Taten Gottes sein, so ähnlich wie die Teilung des Schilfmeeres durch Mose?
Genau das hatten jedenfalls  die frommen Juden damals vom Messias erwartet, einen 2. David, der Israel zu alter Stärke zurück führt; einen, der die Welt mal wieder in Ordnung bringt.
Doch dieses Bekenntnis der ersten Christen findet, dass es da nichts zu feiern gibt.
Denn dieser Jesus hat seine Göttlichkeit nicht wie ein Beutestück, einen Raub gekrallt, er hat nicht seine Muskeln spielen lassen und sein charisma ausgenutzt. Er hat kein power-Evangelium verkündet, ist kein antiker Donald Trump gewesen. Er ist nicht nur mal kurz auf die Welt gekommen, um die Verhältnisse zurecht zu rücken.
Das hat Jesus als Versuchung angesehen: Steine in Brot verwandeln, von der Tempelzinne stürzen. Dazu war er nicht gekommen. Er wollte ein anderes Gottesbild anschaulich machen.
Zwar haben einzelne Menschen Gottes Macht bei ihm gespürt und sind z.B. geheilt worden, aber sie wurden angehalten, das für sich zu behalten und nicht weiter zu erzählen.
Armen und verlorenen Menschen helfen ja, aber nicht den reset-knopf drücken und das Weltsystem neu starten.
Im Gegenteil. Ist Gottes Sohn schon tief gesunken, um auf die Welt zu kommen, geht es noch tiefer hinab in das menschliche Elend. Er nahm nicht nur Menschengestalt an, sondern  Knechtsgestalt. Er hatte keine Berührungsängste mit den Aussätzigen, er hatte keinen festen Wohnsitz, er hatte Umgang mit zweilichtigen Gestalten wie Zöllern und Ehebrechern. Er erniedrigt sich und wäscht seinen Jüngern die Füße. Diener will er sein und nicht Herr genannt werden. Namen wie Sonnenkönig oder strahelnder Held passen nicht zu ihm, sondern eher Habenichts und Penner. Unbedarft war er und hat sich sogar aufs Kreuz legen lassen.
Spätestens in Gethsemane oder am Kreuz hätte er seine Göttlichkeit beweisen müssen und das Ding noch herumdrehen müssen.
Aber Gott will sogar im Tode uns gleich sein und fühlen, was uns Menschen so angst macht. Er ist Mensch geworden bis zum bittern Ende – am Kreuz.
Kurzfristig hätte Gottes Sohn die Welt sicher durch ein paar machtvolle Taten ändern können, aber er wollte uns langfristig retten, indem er den Tod auf sich nahm und dadurch zeigt, dass in jedem Menschen, den wir aufs Kreuz legen, Gott stecken könnte. Deshalb sollten wir davor zurückschrecken und es keinem Menschen antun.
Das zu begreifen wäre lebenswichtig. Und darum feiern wir Karfreitag, damit wir jedes mal erschrecken über unsere menschlichen Abgründe. Karfeitag war einmal der höchste protestantische Feiertag. Zurecht, würde Paulus sagen, denn er wiederholt die Zeile: ja bis zum Tode am Kreuz. Ein wahrer Freund ist für uns, wer auch in dunklen Stunden zu uns hält, und deshalb verkörpert Jesus den wahren Gott, der eben auch in unseren dunklen Stunden zu uns hält und sich nicht aus dem Staub macht.
Ist Karfreitag wichtiger als Weihnachten? Vielleicht nicht wichtiger, aber eine notwendige Ergänzung. Wir lieben Weihnachten, weil es herzig, fröhlich und romantisch ist. Das süße Baby weckt unsere Elterninstinkte und wir haben einen Gott zum Knuddeln. Aber was ist, wenn unsere heile Welt brüchig und durchkreuzt wird? Wir brauchen den Karfreitag, um uns zu vergewissern, dass Gott wirklich bei uns angekommen ist, nicht nur bei den Siegern, sondern vor allem auf der Seite der Verlierer, nicht nur wenn es uns gut geht und wir erfolgreich sind, sondern auch wenn alles schief geht und das Leben weh tut.
Also Karfreitag doch der höchste Feiertag? Eigentlich kann man Karfreitag auch ganz anders sehen. Jesus ist gescheitert. Die Mission Gottes ist am Kreuz gescheitert.
So haben das damals bis heute welche gesehen. Doch die Jünger haben gespürt. Man hat die Person Jesu getötet, aber was er verkörpert hat, ist damit nicht gestorben. Gott hat nicht zugelassen, dass mit dem Kreuz die Sache erledigt ist. Er hat das Leben Jesu von Nazareth gutgeheißen, weil der sich nicht abbringen ließ und den Leidenskelch bis zur Neige ausgetrunken hat. Er hat dem Leben Jesu Recht gegeben und ihn nicht im Tod gelassen.
Gäbe es Ostern nicht, wäre Jesus nur ein bemerkenwerter Mensch und Philiosoph gewesen wie Sokrates, den man auch um die Ecke gebracht hat. Dann hätte es keinen Sinn, Karfreitag oder Weihnachten zu feiern. Ostern gibt den anderen Feiertagen erst ihre Berechtigung. Was würde Weihnachten bringen, wenn Jesus sang- und klanglos untergegangen wäre?
Dabei ist Ostern nicht nur ein Fest, bei dem es um ein happy end mit Jesus geht, sondern bei dem es auch um uns geht. Jesus ist sozusagen unser „Vor-läufer“. Ostern heißt also, dass alle, die erniedrigt wurden oder sich erniedrigt haben, alle unschuldig leidenden, alle Todgeweihten – und letzteres sind wir alle – dass die nicht verloren gehen und von Gott vergessen werden.
Auferstehen bedeutet aber nicht, nochmals auf die Erde zu kommen und in anderer Gestalt weiter zu leben und dann wieder zu sterben. Der Predigttext macht deutlich, wo das Ziel der Reise liegt. Jesus ist nicht nur wieder auf die Erde gekommen, um „ätsch hier bin ich wieder“ zu sagen, sondern Gott hat ihn erhöht. Er ist dahin gekommen, wo er an Weihnachten herkam. Er ist bei Gott im Himmel. Und wenn Jesus unser Vorläufer ist, heißt das, dass auch wir dieses Ziel haben und am Ende erhöht werden und bei Gott ankommen.
40 Tage nach Ostern feiern wir Christi Himmelfahrt. Ein Fest, das viele nur noch als Vatertag kennen. Wäre das aber vielleicht das wichtigste christliche Fest?
Es fällt mir selber schwer, mich zu entscheiden. Aber eines ist deutlich geworden: Es gibt auch nach Weihnachten für unseren Glauben noch ganz wichtige Feste, die sich zu feiern lohnen. Und die nächsten Tage bis Sonntag gehören auf jeden Fall dazu.

Amen