Die Besondere Predigt

Schuld und Vergebung

Predigt zum Buß- und Bettag am 22. Nov. 2017

Es war der 26. Mai dieses Jahres. Zwei Busse mit koptischen Christen sind unterwegs auf einem Ausflug zum Kloster in der Nähe von Al-Minja in Mittelägypten. Plötzlich hört man eine Explosion und die Busse stoppen abrupt. Draußen stehen maskierte und bewaffnete Männer. Sameh, ein junger Mann steigt aus dem Bus, um herauszufinden, was vor sich geht. Er wird sofort erschossen. Es sind Kämpfer des IS, die alle auffordern aus dem Bus zu steigen und zwingen das islamische Glaubensbekenntnis zu sprechen. Alle Männer, die sich weigern, werden erschossen. Den Frauen wird Geld und Schmuck abgenommen. Dann schießen die Terroristen wahllos in die Menge und viele Frauen und Kinder werden verletzt oder getötet.

Ein grausames und abscheuliches Verbrechen. Immer wieder werden in Ägypten Christen Opfer von Anschlägen. An Palmsonntag sind bei Anschlägen auf 2 Kirchen 49 Menschen getötet und 100 verletzt worden.

Mich hat an dem Bericht über diese Gräueltat erstaunt, dass die Christen in Ägypten selbst angesichts des Todes so standhaft bleiben und ihren Glauben nicht verleugnen. Aber noch erstaunlicher finde ich etwas anderes. Im Bericht des Bayr. Sonntagsblatts wird auch Samia Adly, eine Überlebende des Massakers zitiert, die sagt: „Ich hoffte, dass sie mich auch töten würden, denn dann könnte ich mit den anderen im Himmel sein. Wir fürchten den Tod nicht. Wir haben keinen Platz auf dieser Welt, unser Platz ist im Himmel. Unser Gott ist ein starker Gott, und er ist der Gott der Liebe, der uns gelehrt hat, zu lieben und niemand zu hassen. Ich vergebe denen, die meine Familie umgebracht haben und bete für sie.“

Könnten wir nach einem solchen Vorfall genauso reden und wären wir bereit, den Tätern zu vergeben? Ich wäre mir nicht sicher, ob mir das gelingen würde.

Ich könnte mir vorstellen, dass ich zunächst einmal ziemlich wütend bin auf die Attentäter und Mörder meiner Familienangehörigen. Ich würde es auch der Ägypterin Samia Adly nicht übel nehmen, wenn sie wütend ist und Vergeltung fordert. Soll man die Attentäter einfach so davon kommen lassen oder ist es nicht sogar geboten, dass man die Täter bestraft? Der amerikan. Präsident fordert für Attentäter ausnahmslos die Todesstrafe. Hat er nicht recht, denn schließlich steht in der Bibel: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ist das, was bei Al-Minja geschah, nicht so schlimm, dass man es gar nicht vergeben kann?

Mit dem Vergeben ist natürlich nicht verbunden, dass wir Unrecht billigen und Schuld klein reden. Wahrscheinlich wird auch Samia Adly nichts dagegen haben, dass die Justiz die Verbrecher fasst und verurteilt. Aber sie erinnert mich daran, dass wir als Christen nochmal einen anderen Umgang haben mit dem Bösen und mit der Schuld.

Während sich unser Rechtssystem eher auf das AT berufen kann, in dem uns ein gerechter Gott begegnet, der belohnt und bestraft und der Gebote aufstellt, nimmt Samia Adly Bezug auf das NT, in dem Jesus andere Seiten Gottes aufzeigt: einen liebenden Gott, der seine Gerechtigkeit zugunsten der Barmherzigkeit aufgibt, und lieber wie ein Vater seinem verlorenen Sohn verzeiht. Und auch darin sollen wir Gott folgen. Vielleicht denkt Samia Adly an den Satz Jesu in der Bergpredigt: Liebet eure Feinde! Sie könnte uns genauso gut das Vaterunser entgegenhalten, in dem wir ja alle sprechen: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Denn wir sind halt nicht immer nur die unschuldigen Opfer, sondern auch Täter, die bei anderen in der Schuld stehen. Diese Doppelrolle macht besonders unser Gleichnis deutlich, das wir vorhin gehört haben. Obwohl ihm eine große Schuld erlassen wird, will der undankbare Knecht seinem Schuldner keinen Pfennig erlassen. Deswegen wird der Knecht nochmals zur Rechenschaft gezogen und eingeschärft. Damit Gott uns vergibt, haben auch wir zu vergeben. Gibt es aber da nicht doch eine Grenze? Für Jesus anscheinend nicht, denn er kann noch am Kreuz bitten: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Der Apostel Paulus macht daraus eine Handlungsanweisung für uns: Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit gutem.

Kann das wirklich funktionieren? Sollen wir uns als Christen alles gefallen lassen? Ich überlege immer wieder: was wäre gewesen, wenn man die Terroranschläge am 11.September auf die Twintowers in New York nicht mit Vergeltung und Kampf gegen die Achse des Bösen beantwortet hätte, sondern mit Vergebung? Fanatische Gruppen kann man damit vielleicht nicht beeindrucken, aber vielleicht hätten sich nicht so viele radikalisiert, hätte der Terror nicht diese Ausmaße angenommen. Natürlich ist das reine Spekulation.

Grausame Verbrechen wie der 11.Sept. oder der Überfall in Ägypten zeigen jedenfalls: Vergebung bleibt eine Zumutung. Sie kostet uns selbst bei harmloseren Kränkungen schon Überwindung. Wut und Rachegedanken sind die normale erste Reaktion. Wir dürfen das auch zulassen und nicht meinen, wir müssen das als Christen gleich verdrängen. Denn die Gefahr besteht, dass Ärger und Wut an anderer Stelle plötzlich zu Tage treten. Aber die Frage ist, ob der Zorn das letzte Wort haben darf und wie lange wir unsere Wut mit uns herumtragen. Denn dadurch hat das Böse ja weiter Macht über uns. Wir bleiben am Bösen hängen, fixieren uns darauf, kreisen in unseren Gedanken um die schlimmen Ereignisse und die Täter, wir schauen ständig zurück und bestimmen nicht mehr unser eignes Leben. Eine Psychotherapeutin schreibt: Hass bindet. Solange man hasst, hat die Vergangenheit unsere Zukunft unheilvoll im Griff. Vergebung ist der Schritt, in dem wir die Vergangenheit los lassen und frei werden, wieder ein zufriedenes Leben zu führen.

Deshalb ist die Bereitschaft zur Vergebung nicht nur ein Gebot, das uns Gott auferlegt, um uns zu testen. Wir müssen anderen auch nicht aus reiner Menschenliebe vergeben, sondern um uns nicht vom Bösen überwinden zu lassen. Vergebung kann uns sogar nützen, um mit dem Leben wieder besser zurecht zu kommen. Vergebung ist ein Angebot Gottes, weil es uns gut tun kann.

Pfr. Berthold Kreile