Die Besondere Predigt

Weggefährten

Erste Predigt aus der Reihe Lutherzitate am Sonntag Okuli von Pfarrer i.R. Hans-Willi Büttner

"Es gibt keinen ärmeren, geringeren, verachteten Schüler auf Erden als Gott.
Er muss aller Jünger sein. Jedermann will sein Schulmeister und Lehrer sein."

Martin Luther

Wir die Meister und er der Auszubildende; bei  uns die Lebenserfahrung, er aber muss noch viel
lernen! Geben Sie's zu: Einen Gott, der die Welt besser im Griff hat, hätten wir schon gern. Wir
wüssten ihm da einiges zu sagen, wo er eingreifen müsste und wie. Wenn er besser funktionier-
te, Gott, dann gäbe es keine Kriege und niemand müsste wegen Verfolgung oder aus Hunger
die Heimat verlassen. Niemand müsste an Krebs sterben und keine Kinder würden misshandelt
… na und so weiter mit all den Vorstellungen, wie heil die Welt sein könnte, wenn ER …
Was sind das nur für Vorstellungen von Gott? Ich meine, das Mittelalter lässt immer noch grü-
ßen: Gott müsste die Guten belohnen und die Bösen bestrafen. Vor allem, solange die Bösen ir-
gendwelche anderen sind.
Weil aber jeder Mensch so seine bösen Seiten hat, egal ob verborgene oder offenkundige, hätte
ja auch jeder Gottes Strafgericht zu fürchten. Auch wir hier. - Das sehen wir aber als Leute der
Moderne nicht ohne Weiteres ein. So simpel gestrickt kann Gott nun doch nicht sein! Außerdem
wo wäre da die Gnade und die Liebe Gottes und das, was Jesus davon sagt?
Trotzdem hört auch bei uns Modernen das Grübeln nicht auf, wie Gott so viel Schreckliches auf
der Welt zulassen kann. Und wenn uns selbst ein Unheil trifft, sei doch die Frage erlaubt, ob wir
das verdient haben? Wer weiß, ob nicht der Philosoph Ludwig Feuerbach richtig lag. Er meinte,
Gott sei am Ende nur eine Vorstellung in den Köpfen, an den Himmel projizierte und überhöhte
menschliche Hoffnungen und Klagen.
Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass viel über Gott nachgedacht und geredet wird? Als ob wir
eine Art Beobachter aus der Distanz sind, die sich ein Phänomen zu erklären suchen, bevor sie
zu einem Urteil kommen. Sind wir die Entscheider, die sich zurechtlegen, was sie mit Gott an-
fangen können; ob und wie er in unsere Vorstellungen von einer höheren Macht passt?
Die Aufgabe der Kirche und ihrer Christenmenschen ist ja eigentlich eine andere: von Gott zu
reden, also Gottes Sprachrohr zu sein, so gut es geht, in Wort und Tat. - Es kommt mir so vor,
als ob wir schwankende Menschen in einer wankenden Gesellschaft sind. Taumelnd zwischen
zaghaften Versuchen des Gottvertrauens, wie wir's im "Vater unser" ausdrücken, und der immer
wieder reichlichen inneren Distanz zu einem Gott, der viele Fragen offen und Vieles zu wün-
schen übrig lässt.
Armer Gott! "Es gibt keinen ärmeren, geringeren, verachteten Schüler auf Erden als Gott. Er
muss aller Jünger sein. Jedermann will sein Schulmeister und Lehrer sein."
Meines Erachtens ist es zu einfach, wenn man die Krise der Kirche in unserer Zeit vor allem mit
der Schwäche ihres "Bodenpersonals" begründet. Es ist mehr eine Krise des Gottesglaubens.
Martin Luther hatte noch keine Idee davon, dass man eines Tages in aller Freiheit Gott wie einen
mehr oder weniger brauchbaren Gegenstand würde taxieren können. Für ihn war klar, Gott und
Mensch sind miteinander auf Gedeih und Verderb verbunden. Er fragte aber, wie  sind sie ver-
bunden? - Und seine große Erkenntnis war: Das kann es nicht sein, dass man die Bibel liest wie
ein Gesetzbuch mit Strafregister für ungehorsame Untertanen. Wie sollte sonst das "Evangeli-
um" Gewicht bekommen, was ja "gute Nachricht" heißt - Botschaft von Gott, die froh macht?
Luther fragte auch: Wie soll denn eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott möglich sein, wenn
man mit ihm ins Geschäft kommen will? 'Ich tue Gutes, lasse dafür Geld springen und nicht zu
wenig und du verrechnest das zu meinen Gunsten mit meinem Sündenregister.' Gottes Gnadegegen Bares … Armer Mensch, armer Gott! Weil der eine dem andern nicht traut, muss sich der
eine vom andern die Bedingungen für eine friedliche Koexistenz vorschreiben lassen. Armer
Gott, in was bist du da hinein geraten? Armer Mensch, was hat dich so verbogen?
Wie wär's mit einem Wandel in der Blickrichtung? Was ja soviel bedeutet wie: wir geben unsere
Standpunkte auf - fällt nicht leicht! - und nehmen einen neuen ein, einen neben Gott. Lebendi-
ger Mensch mit und bei lebendigem Gott, nicht bei einem Gegenstand der Weltanschauung,
sondern bei einem Dialogpartner und Weggefährten.
Was mir bei den Geschichten von Gott und seinem Volk Israel im Alten Testament schon lange
aufgefallen ist: die waren gemeinsam unterwegs! Da gab's Vertrauen, viele Reibereien, dann
wieder Vertrauen, manche bittere Erkenntnis und es war ein nie endender Dialog. Weil sie aber
gemeinsam unterwegs waren, sich aufeinander einließen und sich auch immer wieder zusam-
men gerauft haben, haben sie sich miteinander weiter entwickelt. Ich will es zuspitzen: Nicht
nur die Menschen haben bei ihrer Geschichte mit Gott dazu gelernt und Fortschritte gemacht.
Auch Gott ist nicht stehen geblieben und hat mit gelernt.
So ist das Bild Luthers, dass Gott ein Schüler sei, gar nicht so verkehrt. Aber der Unterschied
ist: miteinander zu lernen und sich gegenseitig mit Lebensweisheit zu begleiten ist etwas ande-
res, als zu meinen, man hätte es gegenseitig mit einem unwilligen und begriffstutzigen Schüler
zu tun - Gott bei den Menschen, wir Menschen bei Gott.
Nein, aus dem neuen Blickwinkel ersetzen wir das durch ein Familienbewusstsein. Das ist doch
unsere gar nicht unrealistische Idealvorstellung von Familie: einer für alle - alle für einen. Leben
und lernen mit dem Wissen: Wir gehören zusammen, wir brauchen einander, wir stimmen uns
ab.
Die klassischen Glaubensbegriffe dafür sind hören und beten. Das Gehörte bedenken und dis-
kutieren und das Einvernehmen suchen und gestalten.
Noch einmal klassische Begriffe: Wort Gottes und Nachfolge. Zum Wort gehört die Bibel, die
Predigt, die Stille - damit 'Wort' nicht nur das ist, was man sich selbst sagt, also ohnehin schon
weiß. Und Nachfolge, das ist Antwort und Gespräch, ist nicht stumm bleiben, weder in Gedan-
ken, noch Worten noch Werken.
Zu diesem neuen Standort für's Leben bei und neben Gott gehört noch eine Einsicht, die auch
bitter werden kann: Nicht alles, was möglich und denkbar wäre, steht in unserer Macht, auch
nicht in der Macht Gottes (auch wenn wir in anderen Zusammenhängen dankbar von Gott dem
Allmächtigen reden). Das Leben geht seinen Gang. Wir können viel beeinflussen, gerade mit
Gott als unserm Weggefährten, aber es entgleitet uns auch viel. Und Gott kann auch nichts ma-
chen. - Schade? Nein, das ist Leben!
Der Pfarrer Kreile hat bei unserm Vorgespräch ein schönes Bild gebracht: Wenn zwei Top Fuß-
ballmannschaften sich mit ihren Top Trainern auf ihr Spiel vorbereiten und alles, was möglich ist,
in der Vorbereitung und im Wettkampf einbringen, ist das Ergebnis dennoch offen. Es kann und
wird Gewinner und Verlierer geben, weil das Leben so ist. Ist das nicht gerade das Spannende
am Fußball? Man lernt nicht nur durch bestes Training, sondern erst recht und viel mehr durch
lebendige Auseinandersetzung im lebendigen Zusammenspiel.  Und unterm Strich kann man
darin sehr gut, sehr wach, und sehr lebensfähig sein.
Also: Unter diesem Aspekt einer gereiften und geübten Weggemeinschaft hat gegenseitiges
Schulmeistern keinen Platz, sondern da wird gemeinsam gesehen, gelernt, gelebt.

Hans-Willi Büttner