Die Besondere Predigt

Wünsch Dir was!

Predigt über Markus 8,31-36 am Faschingssonntag, 18. Feb. 2018 (Estomihi)

 

Wünsch Dir was? - Eine Lesung!

Ich war noch niemals in New York

Am Faschingssonntag, liebe Gemeinde, erlaube ich mir, die Predigt mit einem Schlagertext zu beginnen. Ein Text von Udo Jürgens, der in seinen Liedern weiter lebt, obwohl er bereits 2014 starb.
Dabei ist es prima, dass ich den Text nicht nur vorlese, sondern wir ihn tatsächlich auch mit J. zusammen singen können. Nehmen Sie doch Ihren Programmzettel zur Hand. Auf der Rückseite findet sich: Ich war noch niemals in New York.

J. singt mit Gemeinde

Und nach dem Abendessen sagte er,
lass mich noch eben Zigaretten holen geh'n,
sie rief ihm nach nimm Dir die Schlüssel mit,
ich werd inzwischen nach der Kleinen seh'n,

er zog die Tür zu, ging stumm hinaus,
ins neon-helle Treppenhaus,
es roch nach Bohnerwachs und Spießigkeit.
und auf der Treppe dachte er, wie wenn das jetzt ein Aufbruch wär,
er müsse einfach geh'n für alle Zeit,
für alle Zeit...


Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss'nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh'n.

Und als er draußen auf der Straße stand,
da fiel ihm ein, dass er fast alles bei sich trug,
den Paß, die Eurocard und etwas Geld,
vielleicht ging heute abend noch ein Flug.


Er könnt' ein Taxi nehmen dort am Eck oder Autostop und einfach weg,
die Sehnsucht in ihm wurde wieder wach,
noch einmal voll von Träumen sein, sich aus der Enge hier befrei'n,
er dachte über seinen Aufbruch nach, seinen Aufbruch nach...

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss'nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh'n.

Dann steckte er die Zigaretten ein und ging wie selbstverständlich heim,
durchs Treppenhaus mit Bohnerwachs und Spießigkeit,
die Frau rief "Mann, wo bleibst Du bloß, 'Wetten, dass?' geht gleich los",
sie fragte "War was?" - "Nein, was soll schon sein."

Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals auf Hawaii,
ging nie durch San Francisco in zerriss'nen Jeans,
Ich war noch niemals in New York, ich war noch niemals richtig frei,
einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh'n.
(Udo Jürgens: Ich war noch niemals in New York (1982))


Predigttext

Dieser Schlager, den wir gesungen haben, handelt von unerfüllter Sehnsucht, von „summenden Wünschen“ *, wie sie die Fee vorhin genannt hat. Der Schlager beschreibt einen Mann, der wegen dieses Summens in sich erwägt, beim Zigarettenholen aus seinem bisherigen Leben und Trott einfach zu verschwinden und anderswo ganz neu anzufangen.

In dem Lied wird die Überlegung zwar nicht in die Tat umgesetzt und der Mann kehrt nach Hause zurück, als sei nichts geschehen. Aber die Zahl von rund 7000 Vermissten jährlich allein in Bayern – ich habe sie mir aus einer Lektüre gemerkt - lässt erahnen, dass überraschend viele Menschen tatsächlich beim Zigarettenholen einfach abtauchen und anderswo wieder auftauchen in einem zweiten Leben und vermeintlich unbelastet. Was treibt Menschen wohl zu so einem Schritt? Unzufriedenheit im Jetzt? Unerfüllte Träume? Der Wunsch nach Selbstverwirklichung? Oder der Versuch sich selbst zu schützen, aus Angst vor der Zukunft, vor dem was kommen mag?

Einer, der allen Grund gehabt hätte, sich davon zu machen und eine neue Identität anzunehmen, war Jesus. Er sah ab einem gewissen Punkt seinen Weg klar vor sich, wie das Evangelium aus Mk 8 zu berichten weiß, das wir nun als Predigttext hören:

31 Und Jesus fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
32 Und er redete das Wort frei und offen. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihm zu wehren.
33 Er aber wandte sich um, sah seine Jünger an und bedrohte Petrus und sprach: Geh weg von mir, Satan! Denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.

Herr, schenk uns ein Herz für Dein Wort und ein Wort für unser Herz. Amen.

Was mich betroffen macht beim Hören des Predigttextes ist, wie hart Jesus seinen Jünger Petrus anfährt. Geh weg von mir, Satan! Weiß er nicht, dass Petrus ihn liebt, dass er Angst um ihn hat und deshalb versucht, Jesus von seinen Ahnungen abzubringen und vor Schaden zu bewahren?
Das Wort ›Satan‹ lässt sich auch mit ›Widersacher‹ übersetzen. »Geh weg von mir, du Widersacher. Du denkst nicht, was göttlich ist, sondern was menschlich ist«. Jesus weist die gute und fürsorgliche Absicht des Petrus von sich, denn er sieht etwas anderes als wesentlicher an. Er weiß nämlich um den ihm bestimmten Weg und will sich von niemandem darin beirren lassen. Jesus will die Liebe Gottes mitten unter die Menschen bringen, selbst wenn es ihn sein Leben kostet. Im Johannesevangelium ist das Wort von ihm überliefert: »Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.« Nur wenn Jesus diesen Weg geht, bleibt er sich und seinem Auftrag treu.

Der Menschensohn muss viel leiden …und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
Indem Jesus sein Leiden ankündigt, gibt er zu Verstehen, dass er zwar ganz Mensch geworden ist, aber trotzdem Einblick in das himmlische Konzept hat, weil er von Gott her gekommen ist.

Wahrer Mensch und wahrer Gott - so bekennen wir ihn und im zeitlichen Abstand erkennen wir besser als seine Jünger, dass Jesus in die Krippe geboren wurde, um ans Kreuz geführt zu werden. Wir glauben an ihn als Heiland und guten Hirten, dem die Menschen sich vertrauensvoll überlassen dürfen, weil er sie behütet. Zugleich aber verkörpert er für uns auch das Lamm, das die Sünde auf sich nahm und aus Liebe zu uns Menschen in den Tod ging.

Unvorstellbar für Jesus, für Gottes Liebe einzutreten und dem Leiden auszuweichen. Das lässt mich an ein weiteres Lied von Udo Jürgens denken, in dem es auch um Liebe und Leiden geht, aber eben genau um Liebe ohne Leiden. 1984 sang er seiner Tochter den Wunsch zu:

Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden
und eine Hand, die deine hält.
Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden
und dass dir nie die Hoffnung fehlt
und dass dir deine Träume bleiben
und wenn du suchst nach Zärtlichkeit
wünsch ich dir Liebe ohne Leiden – und Glück für alle Zeit.

Diesen Wunsch haben wohl alle Eltern für ihre Kinder, und doch bleibt es ein Wunsch. Denn alle Erfahrung zeigt: es gibt kein Leben und erst recht keine Liebe völlig ohne Leiden. Bei allem Glück kennt die Liebe auch Bangen, Verzweiflung, Trauer und Sehnen.

Die Elternliebe selbst weiß davon ein Lied zu singen. Eltern leiden doch mit ihren Kindern, wenn sie ernsthaft krank sind, oder wenn sie an die falschen Freunde oder unter schlechten Einfluss geraten.Eltern tun alles, was in ihrer Macht steht, um ihre Kinder vor Leid zu behüten.

Denken Sie als Beispiel an das Märchen vom Dornröschen: Da gibt es eine böse Fee, die dem König ankündigt, dass sich seine Tochter an einer Spindel verletzen und sterben wird. Daraufhin lässt der König als Vorsichtsmaßnahme alle Spindeln in seinem Reich zerstören. Als nun die Tochter im obersten Gemach des Schlosses doch noch eine Spindel findet, ist sie neugierig, nimmt diese in die Hand und verletzt sich daran aus Unerfahrenheit.

Das Märchen lässt uns vielleicht folgern:
-    „Überbehütung bringt gar nichts!“
-    oder „Das vorbestimmte Schicksal lässt sich eben nicht aufhalten!“

Aber es entlarvt den Wunsch von der Liebe ohne Leiden als Lebenslüge oder zumindest als unhaltbare Behauptung. Wer liebt, der ist nie sicher vor dem Schmerz, der ist auch bereit zu leiden, mit dem anderen durch dick und dünn zu gehen, Enttäuschungen oder schwere Phasen auszuhalten von der Erfahrung, jemanden fast zu verlieren, bis hin zum Glück wieder gewonnener Nähe zueinander.

Was heißt das für uns, die Freunde Jesu? Dazu hören wir in unserem heutigen Bibelwort weiter:

34 Jesus sprach zu ihnen: Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
35 Denn wer sein Leben erhalten will, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, der wird's erhalten.
36 Denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme an seiner Seele Schaden?

So schwierig das ist, sein Kreuz auf sich zu nehmen, gibt es immer wieder Menschen, die das fertig bringen: Ein Beispiel ist für mich die Nonne Edith Stein. Als Jüdin geboren und erzogen konvertierte sie zum Katholizismus und wurde Karmeliterin, also Ordensfrau. Dennoch geriet sie ins Visier der Nazis und wurde auf ihrer Flucht verraten. Obwohl sie dennoch die Möglichkeit gehabt hätte, in die Schweiz zu entkommen, nutzte sie diese nicht. Denn sie wollte ihre Schwester Rosa nicht allein den Nazis überlassen. Edith und Rosa wurden 1942 gemeinsam nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Ich stelle mir vor, dass sich Edith Stein nicht selbst verleugnen wollte, sich lieber auch gerettet hätte, aber gespürt hat, dass sie an ihrer Seele Schaden nehmen würde, wenn sie ihre Schwester Rosa allein in den Tod gehen ließe. Edith Stein hat in ihrer Entscheidung die Liebe dem Selbstschutz übergeordnet, und den Weg ins KZ für sich als richtig erkannt, obwohl er sie in den Tod führte. Diktaturen zwingen Menschen immer wieder zu Entscheidungen auf Leben und Tod, Liebe oder Verrat.

Ob wir dafür gerüstet wären? Hoffentlich werden wir das nie unter Beweis stellen müssen!
Jesus will uns jedenfalls mit seinem Wort und durch sein Vorbild dazu ermutigen, von uns selbst abzusehen, um für etwas Größeres einzustehen. Dietrich Bonhoeffer oder Martin Luther King sind große Männer, die genau das geschafft haben. Wer weiß, wie sehr sie mit ihrer Angst zu kämpfen hatten, aber sie konnten doch frei und unerschrocken ihren Weg gehen.

Freilich: Wer sich für Benachteiligte einsetzt, wird möglicherweise belächelt. Wer seinen Mund auftut, statt sich anzupassen und zu schweigen, muss mit Widerspruch oder Übergriffen rechnen. Wer sich vor andere stellt, macht sich verwundbar. Wer sich nicht überall mit Ellenbogen durchsetzt, muss Nachteile in Kauf nehmen.

Leiden für die Liebe, statt realitätsfremde Illusion. Jesus sagt nicht, dass es leicht ist, ihm nachzufolgen. Seine Nachfolger müssen mit Anfeindungen, Desillusionierungen und Enttäuschungen rechnen. Aber Jesus weiß, wie wichtig es ist, zu einem Leben zu finden, das sich richtig anfühlt, auch wenn nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. Nach biblischer Auffassung ist ein Leben im Einklang mit Gott und im Seelenfrieden gleichwohl ein erfülltes Leben. Darum konnte der bereits erwähnte Dietrich Bonhoeffer es so ausdrücken: „Es gibt ein erfülltes Leben trotz vieler unerfüllter Wünsche.“

Amen.

•    Eine der Lesungen vor der Predigt war die Geschichte von Susanne Niemeyer aus Sicht einer Wunschfee, gefunden unter:
http://www.ekkw.de/blick-in-die-kirche/download/blick_Magazin_Wuensche.pdf
•    Sie ist hier als PDF eingestellt.

Pfarrerin Martina Hessenauer,
11.02.18