Beten ein Handwerk?

Predigt von Dekanin Almut Held zum Festgottesdienst in St. Markus am 25. Juni 2017

Liebe Gemeinde,
 
„Eines Christen Handwerk ist Beten“, sagt Martin Luther. „Wie ein Schuster einen Schuh macht und ein Schneider einen Rock, also soll ein Christ beten.“ Kurz und bündig. Schuster – Schuh. Schneider – Rock. Christ – Gebet. Beten – ein Handwerk?  Zum Handwerk fallen uns wohl eher andere Tätigkeiten und Berufe ein. Eben Schuster, Schneider, Schreiner, Installateur, Friseur, Schlosser … Christ? Gut, „Hand- Werk“ stimmt insofern, als wir zum Beten häufig die Hände falten. Zum „Handwerkeln“ sollte man das allerdings nicht tun, sondern aufmachen und zupacken, Werkzeug in die Hand nehmen, loslegen. Also: Beten und Handwerk? Beten und Handarbeit?
 
Vielleicht haben einige unter Ihnen, liebe Gemeinde, auch einen Beruf erlernt, der mit den Händen zu tun hat, in einer Bäckerei, als Metzger, Koch oder Schneiderin, als Mechaniker oder Maurer. Vielleicht haben gerade auch die Älteren unter Ihnen früher den Kindern Röcke und Hosen oder schöne Puppenkleidchen genäht, gestrickt oder gehäkelt. Oder den Enkeln eine Puppenstube zum Geburtstag oder eine Krippe zu Weihnachten gebastelt. Heute sind solche Handarbeiten ja etwas aus der Mode gekommen, aber es ist schon toll, was man mit seinen Händen so alles arbeiten kann. Davon können wir auch in der Bibel lesen.
 
Viele Menschen mit handwerklichen Berufen werden dort erwähnt. Da ist z.B. ein Töpfer bei der Arbeit. Der Prophet Jeremia schaut ihm fasziniert zu: Erstaunlich, was aus einem Klumpen Ton so entstehen kann. Eine Schale, ein Krug… Das Handwerk wird Jeremia zum Gleichnis dafür, dass Gott unser Leben gestaltet wie ein Töpfer den Ton. Oder denken wir an Lydia, die erste Christin Europas. Sie war Purpurfärberin. Keine leichte Arbeit, in der mit heißem Wasser und schlecht riechenden Laugen gearbeitet wurde. Ja, auch die Hände der frommen Lydia schafften viel.

Dann haben wir Josef, den Zimmermann. Sein Material duftet, wenn man es zersägt. Und dann wird, verzapft und
verleimt, ein Tisch oder ein Stuhl daraus. Josef, der Ziehvater von Jesus, hat den jungen Jesus damals sicher oft bei sich in der Werkstatt gehabt, wo dieser vielleicht an einem kleinen Stück Holz herumschnitzen durfte. 
Später hat Jesus selbst diesen Beruf erlernt und ausgeübt. Oder Tabita, eine der ersten Christinnen, die namentlich genannt ist. Sie war Schneiderin und tat viel Gutes für die Gemeinde. Mit ihrem Handwerk war sie hoch angesehen. Simon, auch einer der ersten Christen, war Gerber und einige von Jesu Jüngern waren Fischer.
Die Frauen waren selbstverständlich auch handwerklich tätig, wenn sie Brot backten, Essen kochten, Wäsche
wuschen, das Vieh versorgten u.s.w.
 
Zwei Hausfrauen sind es auch, die im Lukas-Evangelium die ganz besondere Beachtung durch Jesus erfahren, nämlich Martha und Maria. Lk 10, 38ff Beide freuen sich sehr, als er sie besuchen kommt. Maria
möchte die ganze Zeit mit ihm verbringen, setzt sich zu ihm und hört zu, was er zu sagen hat. Martha ist auch hoch erfreut, deshalb kümmert sich, macht und tut und kocht und werkelt, um den lieben Gast zu ehren. Anschließend beklagt sie sich allerdings bei Jesus, dass ihre Schwester nicht mitgeholfen hat. Was meint Jesus da wohl, wenn er sagt, Maria habe den guten Teil gewählt? Hat er Marthas Arbeit rund um den
Haushalt so gar nicht geachtet? Martha machte es etwas aus, dass ihr Tun keine Wertschätzung erfährt, dass statt ihrer Maria das Lob bekommt. Die, deren Hände untätig waren und im Schoß geruht hatten. Die nur zugehört hatte.

Das soll mal einer verstehen! Vielleicht verstehen wir es ja besser, wenn wir den Satz von Martin Luther betrachten: Das Handwerk der Christen ist das Beten. Wie kann uns dieses kostbare Handwerk gelingen, liebe
Gem.? Ich weiß von vielen Menschen, die ganz regelmäßig beten. Viele von Ihnen gehören sicher auch dazu.                          
Meine Großmutter hat bis zu ihrem Tod treu für alle ihre Lieben und für andere gebetet. Sie hat auch viel gearbeitet, gekocht, gebacken, den Garten bestellt. Aber sie konnte auch das andere: nämlich die Hände in den Schoß legen, sich Gott anvertrauen und alles von ihm erwarten – und damit ihr „Gebetshandwerk“ verrichten. Über Menschen, die treu beten, auch für andere, hat  Martin Luther einmal gesagt: Christen, die beten, sind wie Säulen, die das Dach der Welt tragen.
 
So betrachtet, ähnelt das Beten tatsächlich dem Handwerken, dem Handarbeiten. Ein paar Beispiele: Beides braucht Zeit. Da kommt nicht von jetzt auf gleich „etwas heraus“. Es braucht Zeit, bis ein Rock genäht, ein Schuh hergestellt ist. Geduld und einen langen Atem braucht auch das Gebet.    Beten und Handwerken muss man nicht gleich können. Handwerkliche Fertigkeiten wollen eingeübt sein, denn Übung macht den Meister. Auch das Beten dürfen wir lernen. Wir dürfen uns darin üben, uns Gott im Gebet anzuvertrauen. Jeden Tag aufs Neue, bis es fester Bestandteil unseres Alltags geworden ist.                                      

• Handarbeiten und Beten kann anstrengend sein. Wer gerungen hat mit Gott in schweren Zeiten, der weiß das.
Beten geht uns nicht immer leicht von der Hand. Manchmal geschieht unser Gebet in größter Not und Verzweiflung oder aus hochbetrübtem Herzen.
 
Beten und Handwerken unterscheiden sich aber auch: Anders als beim Schustern oder Nähen wird Beten nicht
erst durch ein Ergebnis sinnvoll. Allein das Spüren, dass wir mit Gott in Beziehung sind, ist wertvoll. Unser Beten soll kein „Produkt“ hervorbringen. Auch wenn viele unserer Gebet nicht wie gehofft erhört werde, schenken sie dem aufrichtigen Beter, der aufrichtigen Beterin doch Geborgenheit und Zuversicht. Denn wer vertrauensvoll glaubt, für den gilt: Gott hört unsere Bitten und er will uns Gutes. Er liebt uns, weil wir seine Kinder sind, deshalb werden wir
für ihn nicht erst durch die Ergebnisse unseres Schaffens wertvoll. Sondern wir sind es schon. Einfach so, um unserer
selbst willen.  Weil wir von Gott geschaffen sind.
 
Kehren wir noch einmal zurück zu den beiden Schwestern: Vielleicht wollte Jesus dies Martha klarmachen: >Martha, es ist schön, dass du mich so gut  versorgst. Ich sehe, du willst mir Gutes tun, und ich habe auch tatsächlich Hunger. – Aber verstehst du nicht, dass ich jetzt hier bin, um dir etwas zu schenken? Du sollst dich hinsetzen und die Hände in den Schoß legen. Eigentlich bist du, Martha, heute Gast bei mir. Setz dich hin, wie deine Schwester, vergiss, was dich beschäftigt und lass dich beschenken!<

Ist das nicht ein großartiges Angebot, liebe Gemeinde? Sich hinsetzen, die Hände im Schoß legen, die Pflichten für eine Weile vergessen, zuhören, sich beschenken lassen. Das meint Beten. Ein Handwerk, bei dem die Hände ruhen
dürfen, das Herz sich öffnet und ganz bei dem ist, der uns erhört und für uns sorgt. Die Marthas unter uns seien an dieser Stelle aber noch an ein anderes Lutherwort erinnert: Ich habe heute viel zu tun, darum muss ich heute viel beten.

Und den Marias sei gesagt: Die Hände sind zwar im Schoß gut aufgehoben. Aber was du tun kannst, das tu dennoch. Und beten geht eigentlich immer. Maria und Martha, zwei Seiten, die für unser Leben und unseren Glauben wichtig sind, fürs Beten und fürs Handwerken. Maria und Martha  – zwei, die zusammengehören, die erst gemeinsam ein Paar bilden. Beides hat sein Recht, zu beidem sind wir gerufen: Beten und Arbeiten. Man muss beten, als ob alles Arbeiten nicht nützt, und arbeiten, als ob alles Beten nichts nützt, sagt Martin Luther. Schaffen, wo’s nötig ist, und Innehalten, um neue Kraft zu tanken und mit Gott in Beziehung zu sein. Um von Gott neu beschenkt zu werden – jeden Tag.
 
Amen.