Verständigung ist etwas Wunderbares

Predigt zum Pfingstfest am 24.5.26

Liebe Gemeinde.

Es ist noch nicht so lange her, dass ich mit meiner Schwester in Mailand war und wir wieder mit dem Zug zurück gefahren sind. Der Zug war ziemlich gut besetzt und so hatte sich bei der Abfahrt neben uns auch ein junges Pärchen gesetzt, weil wir gegenüber saßen. Nicht selten ist es so, dass die Mitreisenden ihre Kopfhörer im Ohr haben und an ihren Laptops arbeiten oder schreiben und stumm neben einem sitzen. Doch die waren aufgeschlossen und so kamen wir ins Gespräch. Nur kamen die allerdings aus Frankreich und hatten Urlaub in Italien gemacht, um weiter in die Schweiz zufahren. Leider kann ich mit französisch nichts anfangen und auch meine Schwester nicht und auch unser Englisch ist dürftig. Das Englisch der jungen Französin ebenfalls. Doch zum Glück hatte der Franzose eine deutsche Großmutter und war als Kind längere Zeit in Deutschland aufgewachsen. Und so konnten wir mit ein paar englischen Brocken und Floskeln, deutsch und von ihm ins französische übersetzt, mit gutem Willen und noch der internationalen Zeichensprache ein nettes Gespräch führen. Da ging es darum, weshalb wir als Geschwister verreisen und wo die beiden am liebsten in Deutschland wohnen würden usw. Und dass wir uns da verständigen konnten, war für mich etwas Wunderbares und hat mit unserem Predigttext zu tun.

LESUNG Apg 2 (Apg 2, 1-17) Das erste Pfingstfest

Liebe Gemeinde,

wenn wir den Bericht vom Pfingstereignis hören, dann wird uns auffallen, dass er viel mit Sprache zu tun hat und ein Sprachwunder ist. 

Das ist am Anfang nicht gleich zu merken. Da sitzen alle – also vermutlich alle Jünger – beisammen in einem Haus in Jerusalem. Es ist erstaunlich, dass alle beieinander sitzen, aber ich denke, es ist eine Krisensitzung. Denn sicher war ein großes Thema die Frage „Wie geht es nun weiter?“ Es war klar, dass Jesus nun endgültig weg ist und es keine persönlichen Begegnungen mehr geben wird. Da stand sicher nun im Raum, ob man weiter sich treffen will oder doch nun jeder seine Wege geht. War bei manchen schon die Frage, ob man wieder in den Alltag des früheren Lebens zurückkehrt und z.B. wieder auf dem See Genezareth Fische fängt. So was fragen sich beispielsweise auch Abgeordnete, die bei den Wahlen kein Mandat mehr bekommen und ihr Leben neu ordnen müssen.

Und da geschieht in diesem Haus plötzlich etwas Außergewöhnliches. Es zieht wie Hechtsuppe durch den Raum und jeder Einzelne wird mit feurigen Zungen ausgestattet. Und da begegnen wir erstmals der Sprache, denn Zungen brauchen wir zum Reden und im Griechischen heißt Zunge auch Sprache. Die Jünger sind also voller Worte, die aus ihrem Herzen kommen und die sie weitersagen wollen.

Das Ergebnis der Sitzung ist also, dass man sich nicht verstecken will und ängstlich einschließt, sondern voller Begeisterung von seinen Erlebnissen und Erfahrungen mit Jesus berichten will. Und weil gerade ein großes Fest in Jerusalem ist, geht man nach draußen auf die Plätze oder zum Tempelvorhof, um Menschen anzusprechen.

Das erste Wirken des Heiligen Geistes ist also, dass man Mut bekommt, sich zu Jesus zu bekennen und vom Glauben zu erzählen. Ich finde beispielsweise immer sehr schade, wenn ich bei Beerdigungsgesprächen frage, ob der oder die Verstorbene etwas von ihrem/seinem Glauben erzählt hat, dass dann meistens nichts kommt. Natürlich ist Glauben etwas sehr Persönliches und ich wüsste jetzt auch vom Glauben meiner Eltern nicht allzu viel, aber ich weiß, dass meine Mutter immer in ihr Gesangbuch oder die Bibel Zettel gesteckt hat, die sie von anderen oder im Gottesdienst bekam und die ihr gefallen haben. Einmal hat sie mir ein neueres Glaubens-Lied auf dem Handy vorgespielt, dass ihr jemand geschickt hatte. Und so hat sie Glauben ausgedrückt. Denn es ist ja auch nicht so leicht von seinem Glauben zu erzählen, so dass es andere verstehen.

Und das ist eben in unserem Pfingstbericht das eigentliche Wunder. An diesem Festtag sind Juden aus der ganzen Welt da, um zu feiern. Und da können viele nicht Hebräisch und die Landessprache Aramäisch, weil sie im Gottesdienst vielleicht nur was nachsprechen, so wie wenn wir kyrie eleison singen; und sie haben wohl auch meist Bibelübersetzungen besonders ins Griechische benutzt. Griechisch war damals eher die Weltsprache, aber wir wissen, dass nur 2 oder 3 Jünger gut Griechisch sprechen konnten. Wenn jetzt also geschildert wird, dass die Jünger so reden, dass alle es verstehen – auch die Fremden und Fremdsprachigen, dann ist das etwas wunderbares und eine weitere Form, wie in unserer Geschichte der Hl. Geist wirkt. Und mich erinnert das eben an mein Erlebnis im Zug. Der Geist überwindet Sprachgrenzen und man kann sich gegenseitig verständlich machen. Der Geist ist also so eine Art Dolmetscher oder vergleichbar mit einem Übersetzungsprogramm, das wir oft auf dem Smartphone haben. Doch das Entscheidende ist natürlich, dass wir Menschen überhaupt die Sprache haben. Zwar gibt es auch in der Tierwelt Laute und Melodien von Vögeln u.ä., womit Tiere etwas ausdrücken, aber mit unserer Fähigkeit zu sprechen, können wir noch viel mehr ausdrücken, können wir unsere Gefühle beschreiben, können wir Ideen und Pläne mitteilen, können uns verabreden, können um etwas bitten und uns bedanken usw. Und die Sprache haben wir vielleicht, weil wir Ebenbilder Gottes sind. Denn Gott ist auch ein redender Gott und der Geist ist die Sprache Gottes. 

Mit der Sprache können wir uns verständigen. Damit können wir verständlich reden. Das soll ja auch in einer Predigt geschehen und die Zuhörer sollen es verstehen. Am Ende der Predigt des Petrus – und die geht noch viel länger als unser Predigttext – heißt es, dass viele Menschen im Innersten getroffen waren. Sie haben verstanden, was Petrus ihnen sagen will. Aber es gibt eben nicht nur das Verstehen, sondern auch das Missverstehen. Deshalb gibt es auch einige, die meinen, dass die Jünger besoffen sind und einen Quatsch daher reden. Und eine beispielhafte Geschichte fürs Missverständnis ist unsere alttestamentliche Erzählung vom Turmbau zu Babel. Da scheitert das Projekt, weil man sich nicht mehr versteht und ein großes Durcheinander entstanden ist. Und das kennen wir aus vielen eigenen Erfahrungen. Worte können eben auch mehrdeutig sein und zu Missverständnissen führen. Das habe ich neulich bei einem witzigen Cartoon gesehen, der im Sonntagblatt abgedruckt war. Ein Paar steht zusammen in der Natur. Die Frau sagt: Hörst du die Grillen? Der Mann darauf: ich riech nichts.

Der Geist Gottes ist also besonders daran zu erkennen, dass wir nicht nur verständlich sind, sondern uns wirklich verstehen. Und darum ist dieser Geist auch in unserer Kirche und unseren Kirchengemeinden so wichtig. Denn wenn wir uns nicht verstehen, scheitern wir und haben wir auch keine Ausstrahlung. Und so ist Pfingsten ein wichtiges Fest, weil wir es immer wieder brauchen.

Pfarrer Berthold Kreile